Hannover Misburg

Misburgs Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde entscheidend durch Gustav Bratke geprägt. Nach Misburg, welches seit Ende des 19. Jahrhunderts durch die Zementindustrie beherrscht ist, kam der gelernte Lithograph 1910 und arbeitete hier zunächst als Lagerhalter im Konsumverein („Konsum“), bald - gemeinsam mit seiner Ehefrau - als dessen Geschäftsführer. Seit 1912 gehörte er für die SPD dem Misburger Gemeinderat an, ein Ereignis, das er später mit den Worten kommentierte: „Als ich vor 40 Jahren zum ersten Male in die Gemeindevertretung Misburgs gewählt wurde, da wußte ich nicht, daß diese Wahl mein ganzes späteres Leben beeinflussen würde.“

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1919 wurde er Gemeindevorsteher (Bürgermeister) von Misburg und 1920 SPD-Abgeordneter im Provinziallandtag der preußischen Provinz Hannover; 1926 außerdem Vorsitzender der Provinzialverwaltung. Gustav Bratkes vorausschauende Kommunal- und Sozialpolitik war durch eine Verbindung von gezielter Industrieansiedlung und kommunalen Investititionen gekennzeichnet. Er ließ die Gemeinde Bauland ankaufen, so dass es ihm gelang, 1931 die Ansiedlung der „Gewerkschaft Erdöl-Raffinierie Deurag-Nerag“ in Misburg zu bewirken. Er ließ 154 gemeindeiegene Wohnhäuser sowie 250 Wohnungen in Misburg bauen und förderte den Eigenheimbau - sogar für Erwerbslose. 1925/26 folgte der Bau des eigenen Wasserwerks durch den Architekten Friedrich Fischer, der ersten Kanalisation und von zwei Kläranlagen, 1926 des Jugendheims ebenfalls durch Friedrich Fischer. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise, während der von den damals ca. 7.000 Einwohnern Misburgs rund 2.000 Einwohner arbeitslos waren, sorgte er u.a. für die Einrichtung einer Volksküche in der damaligen Turnhalle.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Misburg bei ca. 45 alliierten Bombenangriffen von ca. 40.000 Spreng- und Brandbomben getroffen, 60% der Wohnhäuser wurden vernichtet oder beschädigt. Die Angriffe galten kriegswichtigen Betrieben, wie sie Raffinerie Deurag-Nerag und die Zementfabriken Misburgs darstellten. Nur 2 % der Bomben trafen jedoch die Raffinerie als Ziel der alliierten Luftoffensive gegen die deutsche Mineralölindustrie..

Nahe dem Werkgelände befand sich von Juni 1944 bis April 1945 ein Außenlager des ehemaligen KZ Neuengamme. Bei den ersten Häftlingen handelte es sich um belgische und französische Widerstandskämpfer. Sie wurden bei Aufräumarbeiten auf dem durch Bombenangriffe beschädigten Raffineriegelände der Deurag-Nerag eingesetzt. Durchschnittlich 1.000 Häftlinge waren in dem Lager untergebracht; etwa 55 sollen während seines Bestehens zu Tode gekommen sein. Gegen Ende des Krieges wurde mit den Häftlingen ein Evakuierungsmarsch nach Norden in Richtung Neuengamme durchgeführt, der am 8. April 1945 im KZ Bergen-Belsen endete. Auf dem früheren Lagergelände an der Hannoverschen Straße in Höhe des Mittellandkanals wurde 1989 als Mahnmal eine Skulptur von Eugène Dodeigne aufgestellt.

Nach der traurigen Historie im Zweiten Weltkrieg hat sich Misburg als eine der vorbildlichsten Gemeinden Europas dem "Europäischen Gedanken" gewidmet, wie er auch von Churchill in seiner Rede zu den "Vereinigten Staaten von Europa" beschrieben wurde. Misburg hat viele Städtepartnerschaften für die Bemühungen aufgenommen. Zum Beispiel mit Bollnäs (Schweden), Flekkefjord (Norwegen), Shepton Mallet bei Sommerset (England), Oissel-sur-Seine (Frankreich, siehe unten bei Anderten) und weiteren europäischen Städten.

1975 bekam Misburg vom Europarat als Dank für seine Bemühungen um die Völkerverständigung die Ehrenflagge verliehen, welche seitdem am Ortseingang hängt.

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